Heute ist Tag 140. Manchmal überlege ich was sind denn 140 Tage. Ist das viel oder ist das wenig? Wie kann ich Freunden verdeutlichen, wie lang 140 Tage sind? Nun, ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Eine feste Größe sind bei vielen die Sommerferien, sie waren lang und doch so kurz das sind 42 Tage. Viele meiner Freunde sind oder waren Studenten, versuchen wir es so ein Semester, also der Vorlesungszeitraum sind 14 Wochen, 98 Tage.
Doch so richtig kann ich es nicht beschreiben, im Rückblick sind die Sommerferien verflogen, ein Semester, Mensch das ist doch nichts. Dann denke ich, ihr müsst euch in die Zeit reinversetzen, wenn ihr im Semester seid, dann ist ab Woche 4 alles blöd, die Arbeit wird immer mehr und ihr habt das Gefühl es erschlägt euch und es ist noch sooooo viel Zeit bis zur vorlesungsfreien Zeit.
Doch auch das scheitert meist. Erst diese Woche habe ich mit einer Freundin telefoniert. Sie fragte mich, wie lange er denn schon weg sei und wie lange er noch müsste. Da kommt Punkt eins, der nur den Menschen auffällt, die einen geliebten Menschen im Krieg haben. “Wie lange muss er noch” heißt für mich auch immer: Wie lange muss ich noch? Ich sagt ihr, dass er jetzt knapp 140 Tage im Krieg ist. Und es war ein kurzes Schweigen am Handy. Dann kam ein entrüstetes und verwundertes: “Was echt? Hmm mir kommt das noch gar nicht so lange vor. Fühlt sich doch an als sei es erst nen paar Wochen. Findest du nicht auch? Und wann kommt er wieder?” ich sagte ihr den momentanen Outtermin und gleich dazu, dass das aber noch nichts Festes ist und ja immer viel passieren kann. Von ihr kam nur ein:” Krass das ja gar nicht mehr lange. Siehste ist doch total schnell verflogen die Zeit.”. Tja was soll ich dazu sagen? Wie immer versuche ich es mit einem Lächeln zu überspielen. Da das am Telefon nicht so günstig ist, füge ich meist dazu ja ja stimmt, im Nachhinein für euch auf jeden Fall, für mich ist es halt schon ein bisschen was anderes. Schwer zu erklären.
Und genau das ist es. Es kommt mir mittlerweile wie Jahre vor.
Als ich am Anfang in den Bundeswehrbroschüren gelesen habe, dass sich der Alltag verändert und das dies bei der Rückkehr oft zu Auseinandersetzungen führen kann, weil jeder seinen eigenen Alltag hatte und nun wieder alles neu strukturiert werden muss, gerade bei den Partnern, die zu Hause waren, da habe ich mir gedacht, ach so ein Quatsch, uns passiert das nicht. Und es ist so ich dachte wirklich ich habe den gleichen Alltag wie sonst mit ihm, nur das er fehlt. Und wie sehr er fehlt. Aber das stimmt nach 20 Wochen nicht mehr. Mein Alltag hat sich verändert.
Es fängt bei ganz einfachen Dingen an. Dem Einkaufs- und Essverhalten. Ich kaufe nur noch in kleinen Mengen, viel Obst und Gemüse. Ich esse am Tag noch maximal zwei Mahlzeiten. Einerseits, weil ich abnehmen möchte, andererseits, weil mir seit Monaten nichts mehr schmeckt. Selbst mein Lieblingsessen, meine Lieblingsnaschis…nichts schmeckt mehr so wie früher. Oft muss ich mir, gerade am Wochenende am Nachmittag sagen. los mach dir noch was zu essen, du hast erst ein Brötchen heut gegessen. Sicher es gibt auch ab und an noch Tage, wo alles so schief läuft, dass ich Schoki esse, aber es ist kein Genuss mehr.
Mein Alltag ist geprägt von funktionieren und warten. Ich funktioniere für die Uni und für meinen Job. Und ich warte, ich warte von morgens bis abends, von abends bis morgens auf Nachrichten von ihm. Ich weiß an welchen Tagen wir telefonieren und ich weiß in welcher Zeit abends die Gutenachtsms komm. Und dennoch wartet man Tag für Tag. Bei Jedem Gang zum Briefkasten hofft man, dass ein überraschender Brief von ihm drin liegt. Beim öffnen der E-mails hofft man auf eine Mail von ihm. Beim Piepen des Handys hofft man auf seinen Namen. Selbst die lustigsten, liebevollsten, schönsten Sms von anderen will ich am liebsten sofort wegdrücken, weil ich enttäuscht bin, dass sie nicht von ihm ist. Bei jedem ungeplanten Klingeln an der Tür beginnt mein Herz zu rasen, aus Angst es könnten schlechte Nachrichten sein. Die ersten Wochen bin ich sogar unter der Dusche vorgesprungen und bin nur im Handtuch an die Tür mit Tränen in den Augen, aus Angst es gehe um ihn.
Jeder Tag der vorbei ist, ist ein guter Tag. Und doch muss ich rückblickend feststellen wie ungenutzt viele Tage verstreichen. Ich mache zwar jeden Tag so viel. Viele Freunde und auch mir mittlerweile ans Herz gewachsene Frau zu Frau Äffchen sagen mir fast täglich, ich solle eine Pause machen und mich nicht so unter Druck setzen. Aber ich habe das Gefühl, vor dem Einsatz habe ich doch viel mehr geleistet. Und doch falle ich jeden Abend tot müde ins Bett und wenn der Wecker klingelt, dann habe ich das Gefühl ein Elefant steht auf mir und drückt mich ins Bett. Ich fühle mich, als sei ich erst eine Stunde im Bett. Mein Körper ist kraftlos.
Manchmal fühle ich mich wie in einem Gefängnis. Dort versucht man auch die Tage einfach nur rum zu bekommen. Aber sie scheinen so sinnlos. Ich habe das Gefühl mir werden 6,5 Monate meines Lebens geklaut. Und das hinterlässt Spuren. Ich bin Mitte 20 und habe bereits meine ersten Falten. Ich finde Falten nicht schlimm. Aber ich hatte sie vor dem Einsatz nicht. Es sind Einsatzfalten nach 20 Wochen habe ich Falten um die Augen.
Er sagt ich soll mir keine Sorgen machen. Alles sei gut. Aber wie soll ich mir denn keine Sorgen machen? Meine Freundinnen machen sich um ihre Partner schon Sorgen, wenn sie ein paar hundert Km in eine andere Stadt fahren um dort zu arbeiten für ein paar Tage. Ich habe meinen Helden vor 140 Tagen in den Krieg gehen lassen. Mit dem Wissen ihn eventuell nie wieder zu sehen. Mit der Angst, dass dieser letzte salzige Abschiedskuss vielleicht der letzte Kuss war…Ich möchte daran nicht denken, aber ganz beiseiteschieben lässt sich der Gedanke eben nicht.
Selbst wenn ich die Ängste versuche auszublenden. Dann sind da immer noch 14 Tage, die ich meinen Helden nicht gesehen habe. Ich habe bisher genau ein Bild aus dem Einsatz von ihm. Überall in der Wohnung, sogar in der Küche, stehen Bilder von ihm. Aber es sind Bilder aus glücklichen Tagen. Bilder die ich gemacht habe, als er bei mir war. Einige davon sind auf rosaroten Wolken entstanden, andere schon unter grauen Wolken im Wissen, dass ich ihn gehen lassen muss. Aber es sind eben noch nur Bilder. Jedes erzählt zwar eine kleine Geschichte, aber es sind alte Geschichten. Nichts davon zeigt ihn mir jetzt. Heute, genau in dieser Minute. Ich kenne Bilder von ihm aus dem letzten Einsatz. Ich kenne das Lager, wie die Stuben aussehen und Bilder von ihm. Aufgenommen in entspannten Momenten. Aber auch diese sind 2 Jahre alt. Ich möchte ihm in die Augen sehen. Jeden Abend blicke ich in seine Augen, doch es sind die Augen eines frisch verliebten Mannes, der sich nach einem wundervollen Tag im Hotelzimmer gerade auf mich fallen lässt um all unsere Zuneigung zu zeigen. Es sind nicht die Augen des Mannes, der dort ist… Nicht die Augen die mich müde nach einem langen Tag ansehen und mir dennoch sagen ICH LIEBE DICH gerade in diesem Moment bin ich froh, in deine Augen zu schauen. Nein diese Augen habe ich seit 140 Tagen nicht mehr gesehen. Ich kann nur einen kalten Bilderrahmen küssen, um am nächsten Tag wieder drüber zu wischen. Ich kann nicht die warmen, weichen Lippen küssen, die zu ihm gehören. Kann ihn nicht schmecken. Kann nicht sagen oh lecker du hast Schoki genascht mehr davon oder igitigit bäh du hast Bier getrunken. Nein ich schmecke nichts, ich fühle nichts. Außer unendliche Sehnsucht, wenn ich sein Bild küsse.
Es macht mich fertig, ich bin am Ende. Da fällt mir auf, wie oft habe ich das schon gesagt. Man könnte jetzt denken, siehst du sagst so oft du bist am Ende und doch geht es seit Wochen immer weiter und weiter. Und dann merke ich, dass es stimmt. Es stimmt, dass ich am Ende bin. Es stimmt heute genauso, wie es vor 10 und vor 15 Wochen gestimmt hat. Ich weiß nicht, woher ich die Kraft nehme. Es muss einer dieser unerklärlichen Mechanismen des Körpers sein, der uns Extremsituationen überstehen lässt. Nun könnte man fragen, welche Extremsituation denn? Du bist doch in eurer Wohnung, hast das gleiche Studium, die gleichen Jobs, euer Hund ist bei dir. Alles doch wie immer. Der einzige Unterschied ist doch, dass er nicht da ist. Und das ist es, genau das. Das ist der Unterschied zwischen unbeschreiblichem Glück, wenn er bei mir ist und unbeschreiblichem Leid, weil er seit Monaten im Einsatz ist.
Ich glaube das kann man mit Worten nicht beschreiben. Ich kann versuchen Beispiele aufzuzählen, doch es werden nur die Menschen wirklich verstehen können, die es selber erlebt haben. Und das macht es umso schwerer es ihm zu erklären.
Ich möchte nicht vor ihm jammern. Ich weiß, dass die Last zu 80 % auf seinen Schultern ruht. Das er derjenige ist, der im Krieg ist. Er muss täglich mit der Gefahr leben. Er muss auf unseren Alltag verzichten. Er kann an Körper und Seele verletzt werden. Er ist der, der jammern müsste. Doch er ist stark. Er ist so unglaublich stark. Er verliert nicht ein schlechtes Wort. Er sagt die Arbeit macht ihm Spaß. Mit den Lebensumständen kommt er klar. Sicher er ist genervt, nie allein im Bad zu sein, aber er beschwert sich nie. Er sagt nie er kann nicht mehr. manchmal sagt er, dass er müde sei, dass er genervt sei. Aber nie klagt er. Er sagt auch nie von allein, dass es ihm weh tut, nicht bei mir zu sein, dass er mich unendlich vermisst, das er Angst hat. Angst um sein Leben, Angst vor Folgen oder Angst, dass etwas bei uns zerbricht. Sicher ich denke er macht sich seine Gedanken, aber er ist so tapfer. So unglaublich stark und heldenhaft!
Und auch wenn er mir sagt, dass er mich versteht, merke ich, dass er sich viele Dinge nicht vorstellen kann. Dass er nicht verstehen kann, wie sehr mich dieser Einsatz verletzt und an meine Grenzen bringt. Wie viel Angst ich davor habe, dass er noch einmal in den Einsatz muss. Wie viel Angst ich um ihn habe. Wie viel Angst ich um uns habe.